Berliner Blinden- und Sehbehindertensportverein von 1928 e.V.

Grafik: Logo der TandemgruppeDas Ziel niemals in Sicht

Ein Bericht von Regina Vollbrecht

Der Ironman in Roth

Foto: Nach einer Donnerstagstour Ende August 2001 sitzt die Gruppe bei einem Getränk im Haus der Berliner Blinden zusammen. Auf dem Foto von Adrian Bachmann sind Regina und Harald Vollbrecht zu sehen, wie sie der Tandemgruppe von ihrer Teilnahme am Triathlon berichten.Am 08.07.2001 fand eines der größten und spektakulärsten Triathlonereignisse, der 14. Ironman in Roth, statt. Ca. 2640 Starter aus 40 Nationen, darunter auch 8 behinderte Triathleten, stellten sich an diesem Tag der Herausforderung von: 3,8 km schwimmen, 180 km Rad fahren und 42 km laufen.

Für mich sollte es an diesem Tag nicht nur mein erster Ironman sein, sondern durch meinen Start als blinde Triathletin gab es in der Rother Triathlongeschichte ein neues Ereignis. Noch nie zuvor gab es in Roth einen blinden Teilnehmer am Start. Schon eindrückliche Momente vor dem Start. Besonders in der letzten Minute vor dem Startschuss, als der Jubel der begeisterten Zuschauer ertönte und es mir wegen der nervlichen Anspannung, aber auch der Faszination über diesen Jubel, fast die Tränen in die Augen trieb. Die 3,8 km wurden im Rhein-Main-Donau-Kanal geschwommen. In der 1. Startgruppe startete das gesamte Frauenfeld, die 50 männlichen Profis, die männlichen Teilnehmer über 60 Jahre und alle behinderten Sportler. So starteten auch wir, mein Mann und ich um 06:10 Uhr bei 18 Grad Luft- und 21 Grad Wassertemperatur. Beim Schwimmen sind wir mit einem leicht aufgeblasenem Fahrradschlauch verbunden. Begleitet wurden wir von einem Paddelboot. Diesen Wunsch hatten wir gegenüber dem Veranstalter geäußert, da wir beide langsame Brustschwimmer sind. Wir befürchteten deshalb, von den Spitzenschwimmern der 2. Startgruppe, die 25 Minuten später ins Wasser gingen, an der Wende überschwommen zu werden. Der Paddler gab mir wichtige Hinweise so z.B. wie viel Meter wir zurück gelegt hatten. Außerdem konnte ich durch die folgenden Startschüsse der anderen Startgruppen sehr gut mit verfolgen wie lange wir schon im Wasser waren. An der Wende holten uns die Schwimmer der zweiten Startgruppe wie schon erwartet ein. Nach 1 Stunde und 45 Minuten verließen wir, zufrieden mit unserer Zeit, das Wasser. Danach der Wechsel für uns auf das Tandem. Es galt eine 86 km langen Radkurs, der zweimal zu absolvieren war, zu bewältigen. Dieser Radkurs war für ein Tandem besonders anspruchsvoll. Neben vielen kleineren Steigungen warteten auf uns zwei 8%ige und eine 10%ige Steigung, jeweils von 1-2 km Länge. Die Tandemfahrer unter Euch wissen, das sich ein Tandem sehr schwer bergauf fährt und können sich vielleicht vorstellen, wie anstrengend dies für uns war. Die Abfahrten gestalteten sich teilweise als sehr schwierig, da sie serpentinenartige Kurven enthielten. Doch all diese Anstrengungen ließen sich leichter ertragen, da wir gerade an den Steigungen von den Zurufen der begeisterten Zuschauer unterstützt wurden. So z.B. am Solarer Berg. An einer 1 km langen 8%igen Steigung standen ca. 10 000 Zuschauer und teilten uns ihre Begeisterung mit. Die Zuschauergasse war so eng, dass wir gerade mit unserem Tandem hindurch passten. Dieses Erlebnis erinnert an Bilder, wie sie jedem bei Fernsehübertragungen von der Tour de France bekannt sind. Den Jubel von 10 000 Zuschauern erleben zu können, war so überwältigend, dass ich es kaum beschreiben kann. Dieses unbeschreibliche Gefühl zu wissen "Der Jubel ist ganz allein für uns". Aber nicht nur die Begeisterung der Zuschauer war deutlich zu spüren, sondern auch die der anderen Athleten. Wenn sie uns überholten gab es oftmals Zurufe wie: "super", "good job", "klasse Leistung" usw. Mit einem Schnitt von 28,5 km/h kamen wir in die Wechselzone und gingen nach 8 Stunden und 28 Minuten auf die Laufstrecke. Als wir aus der Stadt hinaus liefen begleitete uns eine Welle der wahren Begeisterung. Der fast ohrenbetäubende Lärm führte dazu, dass ich die Hinweise meines Mannes nicht verstand. So war ich doch froh das an der Laufstrecke nicht so viele Zuschauer waren, um die Läufer anzufeuern. Der Marathon wurde auf geschotterten Wegen, die auch für mich als blinde Läuferin gut zu laufen waren, zurück gelegt. Die ersten 10 km liefen wir mit einem Trinkrucksack, denn für mich ist es schwierig während des Laufens aus einem Becher zu trinken. Auch deshalb die für mich gute Zeit von einer Stunde für die ersten 10 km. Ab km 12 hielten wir an jedem Verpflegungspunkt an und tranken beim gehen. Der Grund dafür war, dass wir sehr viel Wasser aus unserem Trinkrucksack verloren hatten. Die Halbmarathonmarke passierte ich bei 2 Stunden und 15 Minuten. Schon vor dem Ironman hatte ich mir vorgenommen nicht den ganzen Marathon durch zu laufen, sondern eine Gehpause einzulegen, um besser meine Kräfte einteilen zu können. So tat ich es auch. Von km 26-30 absolvierte ich die Strecke gehend. Die noch verbleibenden 12 km lief ich in einer Zeit von 1 Stunde und 18 Minuten. Ich absolvierte den abschließenden Marathon in einer Gesamtzeit von 4 Stunden und 47 Minuten. Beim Zieleinlauf konnten wir noch einmal die wahre Begeisterung der Zuschauer genießen. Nach 13 Stunden und 15 Minuten überquerten wir die Ziellinie. Erschöpft, überglücklich und fasziniert von diesem Erlebnis nahmen wir viele Glückwünsche entgegen. Für mich war es mein bisheriger größter sportlicher Erfolg und es wird ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

Wenn ich an diesen Tag zurück denke kann ich es manchmal gar nicht glauben, dass wir den Ironman geschafft haben.

Als wir am nächsten Tag mit unserem Tandem von Nürnberg nach Roth zur Siegerehrung fuhren, gab es für uns noch viele Glückwünsche und anerkennende Blicke. Selbst die Siegerehrung, wo es viele spektakuläre Leistungen zu bejubeln galt und eine prächtige Stimmung herrschte, war ein Erfolg. Neben den Top-ten der Profis und den 3 erstplazierten jeder Altersklasse, durften sich auch alle behinderten Triathleten auf der Bühne gebührend feiern lassen.

Regina Vollbrecht